Train Stories

 

           

Die Geschichten liegen auf der Straße. Diese Journalisten-Weisheit lernen wir Volos in unserer dritten Academy-Woche.
In unserem Fall liegen sie aber in der U-Bahn. Auf dem Programm steht Storytelling. Unsere Aufgabe: Fahrt mit der U-Bahn durch Dortmund und kommt mit einer Story zurück.

Wir blicken uns an. Wie gehen wir am besten vor? Wo finden wir unsere Stories? Erstmal los zur Haltestelle. Da bleibt die erste von uns schon zurück. Volontärin Babette hat ihren Protagonisten schon entdeckt: an der U-Bahn hält ein Mann ein „Jesus rettet“-Schild in der Hand. Warum steht er da eigentlich?

Für die anderen geht’s in die U47 Richtung Dortmund Hauptbahnhof. Wir zögern. Wo sollen wir aussteigen? An welchem Ort gibt es die beste Geschichte? Da ist der nächste aus unserer Gruppe verschwunden. Volo André unterhält sich intensiv mit einer älteren Frau. Warum schaut sie so traurig?

Die Fahrt geht weiter und der dritte scheidet aus. Till beschließt sich nach Dortmund-Hörde zu fahren und steigt um. Was halten eigentlich die Leute in Hörde vom Phönixsee?

Da waren’s nur noch zwei. Am Hauptbahnhof geht auch Volontärin Abi auf Storyjagd und verschwindet im Fundbüro. Was war der kurioseste Fund bisher?

Nur noch Volontärin Debby übrig. Wo kann sie jetzt noch eine auftreiben? Direkt vor ihrer Nase. Warum ist das kleine Mädchen gegenüber so aufgeregt?

Die Geschichte hat sie gefunden:

 

Bye Bahn

Es ruckelt und quietscht. Lia blickt gebannt aus dem Fenster. Draußen ist alles dunkel. Dann auf einmal: Licht. Bunte Fliesen aus den 70er-Jahren tauchen auf, wartende Menschen. Die U-Bahn fährt in eine Station ein. Lia strahlt, beobachtet die gelangweilt routiniert einsteigende Menge ganz genau.

Die Vierjährige ist mit ihrer Mutter in der U41 in Dortmund unterwegs. „Sie möchte nicht mit dem Auto fahren“, erklärt Mutter Andrea. Deshalb nehmen die beiden immer die Bahn, wenn es etwas zu erledigen gibt. Egal, ob es regnet oder schwere Einkaufstaschen getragen werden müssen. Ist das nicht unpraktisch? „Doch, manchmal schon“, gibt Andrea zu. „Aber für Lia ist das total spannend.“

Die meisten Leute blicken genervt auf ihre Smartphones. Ungeduldig warten sie in der Hoffnung, dass ihre Haltestelle die nächste ist und sie endlich aussteigen können. Aber Lias große blaue Augen leuchten bei jedem Halt und bei jeder neuen ruckeligen Anfahrt.

Dann eine Durchsage: „Nächster Halt Kampstraße“. Plötzlich steht Mutter Andrea auf. „Komm Lia, da müssen wir aussteigen“, sagt sie. Lia blickt ihre Mutter ungläubig an, macht keine Anstalten aufzustehen. „Na los.“ Mürrisch setzt das Mädchen seinen orangefarbenen Teddy-Rucksack auf. Mutter Andrea nimmt Lias Hand und zieht sie langsam Richtung Ausgang.

Dann kommt die Haltestelle. Die Türen öffnen sich und Andrea kann ihre Tochter nur mit Mühe aus der U-Bahn bewegen. Weit kommen die beiden nicht. Die Vierjährige bleibt abrupt stehen und dreht sich wieder zur Bahn. „Bye Bahn, bye Bahn“, ruft Lia immer wieder und winkt der U-Bahn zu, die sich mit einem erneuten Ruckeln in Bewegung setzt. Auch als sie schon längst nicht mehr zu sehen ist, winkt Lia weiter.

„Okay, komm. Die Bahn ist jetzt weg“, versucht Andrea ihre kleine Tochter zum Weitergehen zu überreden. Traurig blickt Lia dorthin, wo gerade noch die U-Bahn war.

Auf einmal ein bekanntes quietschendes Geräusch. „Noch eine Bahn!“, ruft Lia enthusiastisch. Glück für Lia. In einer Stadt wie Dortmund gibt es immer eine neue Bahn.

 

 

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